Die um Italiens Wunderheiligen gesponnenen Legenden waren schon von jeher facettenreich, jetzt gesellt sich in die lange Liste auch noch eine spystory hinzu: seit wenigen Tagen steht der Bischof von Manfredonia, Vieste und San Giovanni Rotondo, ganz unten an Italiens Stiefelabsatz, Monsignor Domenico D’Ambrosio, wegen Verunglimpfung eines Leichnams und Schändung eines Grabmals unter Anklage.
Es geht um den Leichnam von Italiens umstrittensten und heißgeliebten Kultheiligen mit den berühmten Stigmata. Kaum ein LKW fährt im Land ohne sein Heiligenkonterfei an der Windschutzscheibe, überall im Land kleben seine Heiligenbildchen, jedes Dorf in Apulien hat seine Padre Pio-Büste, und auch heute noch mobilisiert er Millionen von Anhängern. San Giovanni Rotondo, der Ort seines Wunderwirkens, hat mit jährlich sieben Millionen Pilgern längst Lourdes als Wallfahrtsort überholt.
Das Jahr 2008 wird zu einem besonderen Spektakel in der langen Tradition der Verehrung von Italiens Nationalheiligem: ab 24. April soll er aus Anlass seines vierzigjährigen Todestags (23.September) fünf Monate lang für seine weltweite Pilgerschar ausgestellt werden. Und dies nicht irgendwo, sondern in der vom Stararchitekten Renzo Piano extra erbauten Prunkbasilika. Dazu musste er exhumiert werden, was vor wenigen Tagen geschah., und siehe da, schon wieder geschah Wundersames: laut Zeugenaussagen von Anwesenden soll der Leichnam des heiligen Padre unverwest sein - „Fingernägel wie kurz nach einer Maniküre“ -, und dies vierzig Jahre nach seinem Tod.
Mit Schlachtrufen wie „Hände weg von Padre Pio!“, hatten Verehrervereine „Pro Padre Pio“ und eine katholische Liga gegen Diffamierung gegen die vom Bischof angeordnete Exhumierung protestiert und nun folgte die Anzeige beim zuständigen Staatsanwalt. Sie berufen sich auf den Wunsch Padre Pios, dass „meine Gebeine in einer ruhigen Ecke dieses Fleckchens bestattet werden“. Mit den bevorstehenden fünf Monate Padre Pio-Supershow ist von Ruhe jetzt keine Spur mehr.
Vor einigen Monaten entfachte ein vieldiskutiertes Buch des Turiner Historikers Sergio Luzzatto von neuem die Zweifel um die Wundertaten des heiligen Padre.Er beruft sich auf Dokumente im Vatikanischen Geheimarchiv, in denen der ApothekerValentini Vista von geheimen Käufen in seiner Apotheke berichtet hatte: Karbolsäure und das Gift Veratrin sollen angeblich die blutenden Wundmale hervorgerufen haben. Die Zweifel und Widersprüche zu Padre Pios Wirken häuften sich in den fünfzig Jahren seit Beginn der Stigmata, die er 1918 empfangen haben soll. Der Heilige ein Scharlatan?
Der Vatikanhierarchie war der Kult um Padre Pio, der vom Volk als zweiter Jesus verehrt wurde, nicht immer willkommen. In der langen Geschichte der Wundmale wurden mehrere Medizinergutachten mit unterschiedlichen Ergebnissen angefertigt. Der Historiker Luzzatto spricht auch von der Unterstützung der faschistischen Bewegung in Italien und von einem „klerikal-faschistischem Gemisch um Padre Pio“.
Die Meinungen der sich während seines Wirkens ablösenden Päpste könnten unterschiedlicher nicht sein: Pius XI. enthob ihn seines Amtes, sein Nachfolger Pius XII. setzte ihn wieder ein, Johannes XXIII. untersagte den gesamten Kult um den Kapuzinermönch und sprach von „immensem Betrug“ und von „Unheil an den Seelen“, auch von „intimen und unanständigen Beziehungen zu den Frauen seiner Prätorianergarde“ wurde gemunkelt, Gerüchte über Veruntreuung großer Gelder machten die Runde. Papst Johannes Paul II., ein alter Verehrer des Padre, zu dem er schon als junger Priester gepilgert war, machte ihn dann im Schnellverfahren 2002 zum Heiligen.
Im Konvent der Mönche, die für die Orgnsiation der Pilgerfahrten im Padre Pio-Superjahr verantwortlich sind, stehen die Telefonleitungen nicht mehr still und mussten bereits verdoppelt werden. Seit Eröffnung der Voranmeldelisten vor wenigen Tagen sind 120.000 Buchungen eingegangen. Aus der ganzen Welt werden die Pilger in das kleine Bauerndorf in Apulien reisen, um den ausgestellten Heiligen mit den Stigmata in der besonders groß geratenen Superkirche zu besichtigen.
martedì 25 marzo 2008
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